Hufrehe beim Pferd: Fütterung in der akuten Phase und langfristig

Wichtiger Hinweis: Hufrehe ist eine akute und chronische Erkrankung, die tierärztliche Diagnose und Begleitung erfordert. Dieser Artikel vermittelt allgemeine Ernährungsinformationen zum Thema Fütterungsmanagement bei Hufrehe und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei Verdacht auf Hufrehe oder in der akuten Phase immer zuerst den Tierarzt kontaktieren. Der Rationsrechner ist für Pferde mit aktiver Hufrehe nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage geeignet.
Hufrehe ist eine der schmerzhaftesten Erkrankungen, die ein Pferd treffen kann, und gleichzeitig eine der häufigsten vermeidbaren. Rund 7–8 % aller Pferde erkranken mindestens einmal im Leben daran (Pollitt 2004). In vielen Fällen spielt die Fütterung eine entscheidende Rolle: als Auslöser, als Verstärker und als wichtiger Teil des Fütterungsmanagements. Dieser Artikel erklärt, was bei Hufrehe fütterungstechnisch zu beachten ist, wie die langfristige Ration aussieht und was auf keinen Fall gefüttert werden sollte.
Was ist Hufrehe?
Hufrehe (Laminitis) ist eine Entzündung der Huflederhaut, der Verbindungsschicht zwischen Hufbein und Hufhorn. In der akuten Phase bricht die Verbindung zwischen diesen Schichten zusammen. Das Hufbein kann sich absenken oder rotieren. Das verursacht extremen Schmerz und kann langfristig zu irreversiblen Schäden führen.
Auslöser für ernährungsbedingte Hufrehe:
- Zu hohe NSC-Aufnahme (Stärke, Zucker, Fruktan) durch Weide, Kraftfutter oder Heufehler
- Plötzlicher Wechsel auf NSC-reiche Nahrung (z.B. Weidezugang im Frühjahr)
- Insulinresistenz oder EMS: das Pferd reagiert auf normale NSC-Mengen mit pathologischer Insulinantwort
- Fructan-Spike durch Weidegras nach Frost oder Trockenheit
Hufrehe kann auch durch andere Ursachen entstehen (Unterstützungslaminitis, Medikamente, Septikämie), aber ernährungsbedingte Laminitis ist die häufigste Form beim Freizeitpferd.
Die Rolle der Fütterung
Fütterung ist das wichtigste Stellrad bei ernährungsbedingter Hufrehe.
Das zentrale Prinzip: NSC reduzieren. NSC (Non-Structural Carbohydrates) stimuliert die Insulinausschüttung. Bei Pferden mit Insulinresistenz führt selbst ein moderater Insulinanstieg zu einem veränderten Blutfluss in den Hufen, was die Laminitis-Kaskade auslösen kann.
Die Fütterungsstrategie unterscheidet zwei Phasen:
- Akute Phase: Notfütterung, strenge NSC-Restriktion
- Remissions- und Langzeitphase: stabile, NSC-arme Ration
Notfütterung bei akuter Hufrehe
In der akuten Phase (Schmerzen, Wärme in den Hufen, Entlastungsstellung) sofort:
Was sofort weg muss:
- Weidezugang vollständig unterbinden (auch kurzer Weidegang verschlimmert)
- Kraftfutter, Müsli, Getreide: alles weg
- Leckmassen, Lecksalze mit hohem Zuckeranteil
Was gefüttert wird:
- Ausschließlich Heu mit bekannt niedrigem NSC (≤6 % NSC, auf TM-Basis)
- Falls kein analysiertes Heu verfügbar: Heu 30–60 Minuten in kaltem Wasser einweichen, dann gut abtropfen lassen (reduziert wasserlöslichen Zucker um 20–30 %)
- Menge: mindestens 1,5 kg pro 100 kg Körpergewicht täglich, verteilt auf viele kleine Portionen (verhindert lange Fütterungspausen, die den Magen belasten)
- Ein NSC-armes, getreidefreies Mineralfutter sichert die Mineralstoffversorgung
Nicht warten, Tierarzt rufen: Akute Hufrehe ist ein Notfall. Schmerzmedikation (NSAID), Diagnostik (Röntgen zur Hufbein-Lagekontrolle) und tierärztliche Überwachung sind unverzichtbar. Fütterungsmaßnahmen ergänzen die tierärztliche Behandlung, ersetzen sie nicht.
Langfristige Fütterungsstrategie
Nach Abklingen der akuten Phase ist das Ziel: eine stabile, NSC-arme Dauerration, die einen erneuten Schub verhindert.
Grundprinzipien:
- Heu als Basis: Grundfutter macht 80–100 % der Ration aus. Regelmäßige LUFA-Analyse des Heus.
- NSC-Ziel: ≤10 % NSC in der Gesamtration auf TM-Basis. Bei Pferden mit wiederkehrender Hufrehe oder EMS: ≤8 %.
- Kein Kraftfutter: Für Hufrehe-Pferde gilt in der Regel kein Kraftfutter. Ausnahmen nur bei gleichzeitig diagnostiziertem Proteinmangel oder sehr hohem Leistungsbedarf, und dann nur mit NSC-armem Spezialfutter.
- Mineralstoffversorgung sichern: Durch das Weglassen von Kraftfutter kann Protein- und Mineralstoffdefizit entstehen. Ein NSC-armes Mineralfutter oder Luzerneheu (in kleinen Mengen) sichert die Versorgung.
- Weidemanagement: Hufrehe-Pferde sollten dauerhaft nur kontrollierten Weidezugang haben. Kein freier Weidegang, besonders nicht im Frühjahr und Herbst.
Was gehört nicht in die Ration?
| Futtermittel | Warum weglassen |
|---|---|
| Weidegras (unkontrolliert) | Hoher Fructan-Gehalt, besonders Frühjahr/Herbst |
| Hafer, Gerste, Mais | NSC 40–60 %, direkter Insulintrigger |
| Getreidebasierte Müslis | Oft hoher NSC, manchmal kaschiert durch Marketing |
| Weizenkleie | Extrem phosphorbetont und hoher NSC |
| Zuckerreiches Mineralfutter | Melasse, Getreide in Mineralfutter oft versteckt |
| Luzerne in großen Mengen | Reich an Protein und Energie, kann Gewichtszunahme fördern |
| Obst, Möhren (in großen Mengen) | Viel Zucker; kleine Mengen als Leckerli meist unkritisch |
| Leckmassen mit Melasse | Direkter Zuckereinfall |
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Grundfutter als Basis
Das Wichtigste bei Hufrehe: Grundfutter in ausreichender Menge, NSC-arm.
Der häufige Fehler ist es, Heu stark zu reduzieren, um Kalorien zu sparen. Ein hungriges Pferd zeigt Stressreaktionen, frisst schneller wenn Futter kommt (Bolus statt kontinuierlich), und leidet an Magengeschwüren. Die richtige Strategie ist NSC-armes Heu in ausreichender Menge, verteilt über den Tag.
Der GfE-Richtwert: mindestens 1,5 kg Raufutter pro 100 kg Körpergewicht täglich. Für ein 500-kg-Pferd sind das mindestens 7,5 kg Heu täglich.
Wenn Übergewicht das Problem ist: die Kalorienzufuhr reduzieren durch Heu mit niedrigem Energiegehalt (reifes, grasiges Heu statt frischem, proteinreichem Heu), nicht durch Heu-Reduktion unter das Minimum.
Praktische Heu-Auswahl für Hufrehe-Pferde
Nicht alle Heuproben sind gleich. Der NSC-Gehalt hängt vom Schnittzeitpunkt, der Lagerung und den Wetterbedingungen vor dem Schnitt ab. Ein Heu, das beim Schnitt Tau oder Regen ausgesetzt war, kann einen höheren NSC-Gehalt aufbauen als unter trockenen Bedingungen geerntetes Heu.
Worauf achten:
- LUFA-Analyse bestellen: Das zuverlässigste Mittel. Eine Analyse kostet 20–40 Euro und gibt Klarheit über Stärke, Zucker, Faser und Energiegehalt.
- Schnittzeit: Spätsommer-Heu (Juli/August geschnitten) hat meist niedrigere NSC-Werte als Frühjahrs-Heu.
- Lagerbedingungen: Heu, das im feuchten Stall oder an feuchter Wand gelagert wird, kann Schimmel entwickeln (nicht füttern).
- Sensorische Kontrolle: Gutes Grundfutter-Heu riecht pilzig-frisch, ist grasig-dunkelgrün, nicht mehlig oder braun.
Monitoring und Anpassung
Nach der ersten Woche Notfütterung sollte der Schmerz nachlassen. Das bedeutet nicht Heilung: Die Inflammation kann Wochen andauern. Regelmäßige Röntgenbilder (Woche 1, 3, 8) dokumentieren die Hufbein-Positionsstabilität.
Zeichen einer guten Reaktion:
- Verringerte Schmerzen und normalisierte Bewegung
- Stabile Hufbein-Lage im Röntgen
- Stabiler Puls und normale Temperatur
- Rückkehr zu normalem Fressverhalten
Warnsignale, bei denen sofort Tierarzt informieren:
- Fortschreitender Schmerz trotz Diät
- Absenkung oder Rotation des Hufbeins
- Abszess-Bildung oder Rehe-Abscessierung
Transition von Akutphase zu Langzeitration
Die Übergangsfütterung ist kritisch. Viele Rückfälle entstehen, wenn Besitzer zu schnell zu normale Fütterung zurückkehren.
Zeitrahmen:
- Woche 1–2: Notfütterung (NSC ≤6 %)
- Woche 3–6: Schrittweise Erweiterung des Heu-Sortiments, wenn toleriert. Kleine Mengen sehr NSC-armes Mineralfutter ergänzen
- Ab Woche 8: Transition zu langfristiger Maintenance-Ration (NSC ≤10 %)
Nie zu schnell Weidezugang zurückgeben. Viele Hufrehe-Pferde sind dauerhaft anfällig. Kontrollierter Weidezugang (2–4 Stunden täglich, mit Weidezaun oder Muzzle) ist die Regel.
EMS und Hufrehe
Ein erheblicher Teil der chronischen Hufrehe-Pferde hat Equines Metabolisches Syndrom (EMS), wobei Schätzungen je nach Studie variieren. Das bedeutet: auch leichte Überversorgung mit NSC kann Laminitis auslösen. Bei EMS-Pferden mit Hufrehe-Vorgeschichte ist ein noch restriktiveres NSC-Ziel sinnvoll: ≤8 % statt 10 %.
EMS-Pferde brauchen auch Gewichtsmanagement. Adipositas verschärft die Insulinresistenz. Eine kontrollierte Gewichtsabnahme mit vollem Heu-Angebot ist das Ziel, nicht Hungerdiät.
Häufige Fehler bei Hufrehe-Fütterung
Viele Besitzer machen trotz besten Willens Fehler, die die Genesung verzögern:
- Zu wenig Heu geben: Das Pferd verliert Gewicht zu schnell. Besser: mehr Heu, aber energiearmer (reifer Aufwuchs statt frischer Triebe).
- Zu früh Kraftfutter zurückführen: Ein einzelnes Müsli-Leckerli kann reichen, um einen Rückfall auszulösen.
- Unsicherer Heu-Status: Blindes Füttern ohne Analyse. Erst analysieren, dann planen.
- Weidegang unterschätzen: Frühlings-Weidegras ist tückisch. Fructan-Spike kann noch Tage nach nur 2 Stunden Weidegang auftreten.
- Zuckerquellen übersehen: Lecksalze, Obst-Snacks, Mineralfutter mit Melasse: kleine Quellen addieren sich schnell.
Ration für dein Hufrehe-Pferd berechnen
Der Rationsrechner berechnet den NSC-Anteil deiner aktuellen Ration und zeigt, ob du im sicheren Bereich bist. Gib dein Pferd mit Hufrehe-Vorgeschichte an, damit die Berechnung die richtigen Richtwerte verwendet.
Alle Stoffwechselerkrankungen beim Pferd im Überblick: Pferd mit Stoffwechselproblemen richtig füttern →
Alle Berechnungen basieren auf dem GfE-2014-Standard. Bei akuter Hufrehe immer tierärztliche Behandlung zuerst. Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung.
Quellen
- Rund 7–8 % aller Pferde erkranken mindestens einmal im Leben an Hufrehe: Pollitt, C.C. (2004): Equine laminitis. Clinical Techniques in Equine Practice, 3(1), 34–44.
- NSC-Grenzwert für Hufrehe-gefährdete Pferde: unter 10 % TM: Frank, N. et al. (2010): Equine Metabolic Syndrome. Journal of Veterinary Internal Medicine, 24(3), 467–475.
- Fructane in Weidegras als Auslöser von Hufrehe (besonders frühmorgens und nach Frost): Longland, A.C. & Byrd, B.M. (2006): Pasture nonstructural carbohydrates and equine laminitis. Journal of Nutrition, 136(7 Suppl), 2099S–2102S.
- GfE-2014 als Basis für Nährstoffberechnung bei Hufrehe-Pferden: GfE — Gesellschaft für Ernährungsphysiologie: Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung der Pferde. DLG-Verlag, Frankfurt 2014.