Magnesiummangel beim Pferd: Symptome, Ursachen und Supplementierung

Dein Pferd ist unruhig, leicht reizbar, schreckt bei kleinsten Geräuschen zusammen, und du hast das Gefühl, dass es schon immer "ein bisschen empfindlich" war. Viele Pferdebesitzer schreiben dieses Verhalten dem Charakter des Pferdes zu. Manchmal liegt die Ursache aber nicht im Temperament, sondern im Futtertrog: Ein Magnesiummangel kann das Nervensystem des Pferdes direkt beeinflussen, und ist in Deutschland häufiger als vielen bewusst ist.
Was ist Magnesium und was macht es im Pferdekörper?
Magnesium (Mg) ist ein Mengenelement, kein Spurenelement. Das ist wichtig zu verstehen, denn der Körper benötigt Magnesium in deutlich größeren Mengen als Zink, Kupfer oder Selen. Ungefähr 60 % des gesamten Magnesiums im Pferdekörper steckt in den Knochen, der Rest in Muskeln, Organen und Körperflüssigkeiten.
Magnesium ist an über 300 enzymatischen Reaktionen beteiligt. Die wichtigsten Funktionen:
- Nervenübertragung: Magnesium reguliert die Erregungsübertragung an Nervenzellen. Ein Mangel erhöht die Nervenempfindlichkeit: Das Pferd reagiert stärker auf Reize.
- Muskelrelaxation: Calcium löst die Muskelkontraktion aus, Magnesium ermöglicht die Entspannung. Ohne ausreichend Magnesium bleiben Muskeln angespannt.
- Energiestoffwechsel: ATP, der universelle Energieträger im Körper, ist nur in seiner magnesiumgebundenen Form biologisch aktiv. Ohne Mg läuft der Energiestoffwechsel nicht rund.
- Knochen: Magnesium beeinflusst die Knochendichte und ist für die Knochenmineralisation notwendig.
GfE-2014-Richtwerte für Magnesium
Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) hat in ihren Empfehlungen von 2014 folgende Orientierungswerte für den täglichen Magnesiumbedarf des Pferdes festgelegt:
| Pferd (500 kg) | Magnesiumbedarf pro Tag |
|---|---|
| Erhaltung | 7,5 g Mg |
| Leichte Arbeit | ~9,0 g Mg |
| Mittlere Arbeit | ~10,5 g Mg |
| Schwere Arbeit | ~12,0 g Mg |
| Hochtrachtige Stute | ~12,0 g Mg |
| Laktierende Stute | 15–20 g Mg |
Berechnet nach: GfE — Gesellschaft für Ernährungsphysiologie, Frankfurt 2014. Werte sind Orientierungswerte, keine starren Grenzwerte.
Zum Vergleich: Durchschnittsheu aus Deutschland enthält zwischen 1,2 und 2,5 g Magnesium pro Kilogramm Trockenmasse. Bei einem 500 kg-Pferd, das täglich 10 kg Heu (Trockenmasse) frisst, kommt die Ration theoretisch auf 12–25 g Mg, das scheint auf den ersten Blick ausreichend. Allerdings ist nicht der gesamte Gehalt bioverfügbar, und viele Heuqualitäten aus deutschen Böden liegen am unteren Ende der Spanne.
Mangelzeichen: So zeigt sich Magnesiummangel beim Pferd
Magnesiummangel ist selten dramatisch: Er schleicht sich ein. Typische Zeichen:
Nervensystem und Verhalten:
- Erhöhte Schreckhaftigkeit und Nervosität ohne erkennbaren Grund
- Überreaktion auf Berührungen (Überempfindlichkeit der Haut)
- Zähneknirschen oder Kauen auf dem Gebiss
- Allgemeine Anspannung und Unruhe im Stall
Muskulatur:
- Muskelzittern, besonders an Schultern und Flanken
- Muskelkrämpfe oder Steifigkeit nach Arbeit
- Verkürzte Schritte, unregelmäßiger Gang ohne orthopädische Ursache
Schwerwiegende Mangelzeichen (selten, Notfall):
- Weidetetanie (Hypomagnesämie): plötzliche Krämpfe, Taumeln, Schwitze; veterinärmedizinischer Notfall
Die meisten Magnesiummangel-Fälle erreichen nicht die Schwelle zur Weidetetanie. Sie bleiben im Bereich des "etwas unruhigen Pferdes", und werden deshalb oft jahrelang nicht erkannt.
Warum Magnesiummangel in Deutschland häufig vorkommt
Mehrere Faktoren begünstigen Magnesiummangel bei Pferden in Deutschland:
1. Heuqualität und Bodenbeschaffenheit
Deutsche Böden haben regional stark unterschiedliche Mineralstoffgehalte. Sandige, saure Böden (typisch in weiten Teilen Norddeutschlands, aber auch anderswo) haben oft niedrige Magnesiumgehalte, und was im Boden fehlt, fehlt auch im Gras und im Heu. Ohne Heuanalyse weiß niemand, was tatsächlich drin steckt.
2. Hoher Kaliumgehalt im Frischgras (Weidetetanie)
Frischgras im Frühjahr und Herbst ist oft sehr kaliumreich. Kalium (K) und Magnesium (Mg) konkurrieren um dieselben Transporter im Darm: Hohe Kaliumaufnahme hemmt die Magnesiumabsorption erheblich. Weidepferde auf intensiv gedüngten Flächen sind besonders gefährdet.
3. Calciumantagonismus
Auch Calcium und Magnesium teilen Transporter. Ein sehr hoher Calciumgehalt in der Ration (z.B. bei hohem Klee- oder Luzerneweizenanteil) kann die Magnesiumaufnahme beeinträchtigen.
4. Stress und Arbeit
Unter Stress scheidet der Körper mehr Magnesium über die Nieren aus. Sportpferde, Pferde in neuen Umgebungen oder in intensiver Trainingsphase haben damit einen erhöhten Bedarf.
Das klingt simpel, ist es aber nicht:
Diagnose: Warum Bluttests allein nicht reichen
Viele Pferdebesitzer lassen den Magnesiumgehalt im Blut messen, und sind erleichtert, wenn der Wert im Referenzbereich liegt. Leider ist Blutserum für die Beurteilung einer langfristigen Versorgung wenig geeignet: Nur etwa 1 % des gesamten Körpermagnesiums befindet sich im Blut. Der Körper hält den Blutwert auf Kosten der Knochen- und Muskelreserven konstant, selbst wenn die Gesamtversorgung schon längst defizitär ist.
Aussagekräftiger sind:
- Rationsberechnung auf Basis einer Heuanalyse (zeigt, wie viel Mg die Ration tatsächlich liefert)
- Vollblutmagnesiummessung (nicht Serum, sondern Vollblut), näher an den intrazellulären Reserven
- Fütterungsversuch unter tierärztlicher Begleitung: Gezielte Magnesiumergänzung über 4–6 Wochen, bessert sich das Verhalten?
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Supplementierung: Optionen und Dosierung
Wenn eine Unterversorgung wahrscheinlich ist, gibt es verschiedene Supplementierungsformen:
| Form | Bioverfügbarkeit | Hinweis |
|---|---|---|
| Magnesiumoxid (MgO) | ~50 % | Günstig, weit verbreitet, aber niedrigere Bioverfügbarkeit |
| Magnesiumchlorid | ~55 % | Leicht löslich, gut in Wasser oder Mash |
| Magnesiumcitrat | ~60–70 % | Organische Form, besser absorbierbar |
| Magnesiumaspartat | ~65 % | Organisch, gut verträglich |
Bioverfügbarkeits-Richtwerte; Angaben variieren je nach Studie und Ausgangsform.
Die übliche Ergänzungsdosis liegt zwischen 5 und 15 g elementarem Magnesium täglich, abhängig von Bedarf und Ausgangsversorgung. Was genau sinnvoll ist, hängt von der Rationsberechnung ab, pauschal "mehr ist besser" gilt hier nicht.
Überdosierungsrisiken
Magnesium hat eine vergleichsweise breite Sicherheitsmarge beim Pferd: Die Nieren scheiden überschüssiges Magnesium effizient aus, solange sie gesund sind. Typische Zeichen einer übermäßigen Magnesiumaufnahme sind weicher Kot oder Durchfall, das Pferd "reguliert" den Überschuss selbst aus.
Bei niereninsuffizienten Pferden ist Vorsicht geboten: Sie können Magnesium schlechter ausscheiden. Hochdosierte Magnesiumsupplemente ohne Rationsgrundlage sind grundsätzlich nicht ratsam.
Zusammenhang mit anderen Nährstoffmängeln
Magnesiummangel kommt selten allein. Häufig liegen gleichzeitig Defizite bei Selen und Vitamin E vor, beides Nährstoffe, die ebenfalls Muskelfunktion und Nervengesundheit beeinflussen. Eine vollständige Rationsberechnung deckt alle Defizite auf, statt sie einzeln zu jagen.
Mehr zu Selen: Selenmangel beim Pferd erkennen und beheben →
Überblick über alle häufigen Mängel: Nährstoffmangel beim Pferd erkennen →
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Quellen
- Magnesiumbedarf 500 kg Pferd Erhaltung: 7,5 g/Tag nach GfE 2014: GfE — Gesellschaft für Ernährungsphysiologie: Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung der Pferde. DLG-Verlag, Frankfurt 2014.
- Magnesiummangel häufig in Deutschland durch ausgelaugte Böden und intensive Landwirtschaft: Coenen, M. & Vervuert, I. (Hrsg.): Pferdefütterung, 5. Auflage. Enke Verlag, Stuttgart 2020.
- Blutmagnesium als Diagnosemarker ist wenig sensitiv (Homöostase hält Blutspiegel lange konstant): National Research Council: Nutrient Requirements of Horses, 6th revised edition. National Academies Press, Washington D.C. 2007.
- Magnesiumsulfat und Magnesiumoxid als Supplementierungsformen: Coenen, M. & Vervuert, I. (Hrsg.): Pferdefütterung, 5. Auflage. Enke Verlag, Stuttgart 2020.