Nährstoffmangel beim Pferd erkennen & beheben

Dein Pferd grast täglich fünf Stunden auf der Koppel und trotzdem zeigt es ein stumpfes Fell und Energielosigkeit. Das klingt nach Nährstoffmangel, aber welchem? Glanzloseres Fell, leichte Muskelschwäche, Wunden, die langsam heilen, Phasen, in denen das Pferd träge und schlapp wirkt. Solche Symptome schiebst du schnell auf Wetter, Stress oder Alter. Dabei laufen Nährstoffmängel oft still und chronisch, ohne dramatische Symptome, aber mit spürbaren Konsequenzen für Gesundheit und Wohlbefinden.
Das Heimtückische an Nährstoffmängeln beim Pferd: Sie entwickeln sich langsam. Ein Selenmangel zeigt sich nicht sofort als Muskelkrise. Er macht sich als diffuse Schwäche bemerkbar, die du erst nach Monaten bemerkst. Ein ungünstiges Ca:P-Verhältnis wirkt sich über Jahre auf Knochen und Hufqualität aus, bevor es medizinisch fassbar wird. Diese Verzögerung macht Mängel so schwer zu erkennen und deshalb so wichtig, sie frühzeitig aufzudecken.
Welche Nährstoffmängel kommen beim Pferd besonders häufig vor, wie erkennst du Warnsignale, und was sagt der GfE-2014-Standard dazu?
Warum Nährstoffmängel beim Pferd so häufig vorkommen
Die meisten Pferdebesitzer füttern nach Erfahrung: etwas Heu, etwas Kraftfutter, vielleicht ein Mineralfutter "für die Sicherheit". Das ist gut gemeint, berücksichtigt aber einen entscheidenden Faktor nicht: Heu ist kein gleichförmiges Produkt.
Heu aus verschiedenen Regionen, Ernten, Böden und Lagerzeiten enthält drastisch unterschiedliche Nährstoffgehalte. Der Proteingehalt von Wiesenheu kann zwischen 5 und 15 % variieren. Der Selengehalt hängt fast vollständig vom lokalen Boden ab. Vitamin E wird beim Trocknen und Lagern abgebaut. Wie viel übrig bleibt, hängt von Erntebedingungen, Lagerzeit und Wetter ab.
Wer diese Schwankungen nicht kennt, kann auch nicht erkennen, dass sein Pferd systematisch zu wenig von bestimmten Nährstoffen bekommt. Und da Pferde keine kurzfristigen Signale senden (sie klagen nicht, zeigen schleichende Symptome), fällt der Mangel oft erst auf, wenn er sich verfestigt hat.
Die häufigsten Nährstoffmängel beim Pferd im Überblick
Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Mangel-Kategorien mit typischen Symptomen und Ursachen, basierend auf dem GfE-2014-Standard.
| Nährstoff | Typische Symptome | Häufige Ursache |
|---|---|---|
| Selen (Se) | Muskelschwäche, langsame Wundheilung, dumpfes Fell | Selenarme Böden in Deutschland |
| Vitamin E | Muskelschwäche, eingeschränkte Immunfunktion, EDM/EMND | Kein Weidegang, lange Heulagerung |
| Calcium (Ca) / Ca:P-Verhältnis | Schlechte Hufqualität, Knochenprobleme, verzögerte Entwicklung | Zu viel Getreide, zu wenig Calcium |
| Protein (pcvXP) | Muskelabbau, schlechte Regeneration, Gewichtsverlust | Schlechtes Heu, erhöhter Bedarf (Alter, Trächtigkeit) |
| Grundfaser (Rohfaser) | Magengeschwüre, Kolik, Nervosität | Zu wenig Heu, zu lange Fressenpausen |
| Zink (Zn) / Kupfer (Cu) | Schlechte Huf- und Fellqualität, beeinträchtigte Immunfunktion | Einseitiges Grundfutter ohne Mineralergänzung |
Richtwerte nach: GfE — Gesellschaft für Ernährungsphysiologie, Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung der Pferde, Frankfurt 2014.
Selenmangel beim Pferd — der unsichtbare Volksmangel
Selen ist ein Spurenelement, das das Pferd in winzigen Mengen braucht, aber unbedingt braucht. Der GfE-2014-Richtwert für ein 500 kg schweres Pferd liegt bei 1,0–2,0 mg Selen pro Tag. Das klingt nach wenig. Und doch ist Selenmangel in Deutschland einer der am weitesten verbreiteten Nährstoffmängel beim Pferd.
Der Grund ist geologisch: Die letzte Eiszeit hat die deutschen Böden stark ausgelaugt. Selen ist wasserlöslich und wurde durch Schmelzwasser und Regen über Jahrtausende aus den Böden gespült. Weite Teile Deutschlands gelten als selenarme Regionen, insbesondere Norddeutschland, Bayern und Baden-Württemberg. Heu aus diesen Regionen enthält oft weniger als 0,05 mg Se pro kg Trockenmasse, weit unterhalb des Bedarfs. Was im Boden fehlt, fehlt auch im Gras und damit im Heu.
Pferde mit Selenmangel zeigen selten klare Symptome. Sie ermüden schneller als üblich, heilen Wunden etwas schlechter, haben ein leicht glanzloses Fell. Einfach "ein bisschen träge", nichts, das sofort auffällt. Bei schweren Mängeln droht Weiße Muskelkrankheit (Nutritional Muscular Dystrophy), doch die meisten Fälle bleiben weit darunter und werden nie erkannt.
Ohne Mineralergänzung oder Heuanalyse lässt sich ein Selenmangel nicht beheben. Pauschal Selen zu ergänzen ist dabei nicht ratsam: Selen ist im Übermaß toxisch. Die therapeutische und die toxische Dosis liegen beim Pferd verhältnismäßig nah beieinander. Supplementierung sollte auf Basis einer Rations- oder Blutanalyse erfolgen.
Vitamin-E-Mangel beim Pferd — das unterschätzte Risiko
Vitamin E ist das wichtigste fettlösliche Antioxidans im Pferdekörper. Es schützt Muskelzellen und Nervengewebe vor oxidativem Stress, ein Prozess, der bei jeder körperlichen Belastung entsteht.
Frisches Weidegras ist die natürliche Vitamin-E-Quelle des Pferdes: Es enthält 100–200 mg Vitamin E pro kg Trockenmasse, reichhaltig genug, um den Bedarf bei ausreichend Weidegang zu decken. Das Problem beginnt mit dem Heuen. Gut geerntetes Heu enthält noch 20–40 mg/kg; schlechtes oder lange gelagertes Heu sinkt auf unter 10 mg/kg. Das entspricht einem Verlust von bis zu 90 % gegenüber frischem Gras.
Für ein Pferd ohne ausreichend Weidegang bedeutet das: Vitamin E muss fast immer ergänzt werden. Muskelschwäche und eingeschränkte Belastbarkeit sind die typischen Frühzeichen. Bei chronischem Mangel drohen Equine Degenerative Myeloencephalopathy (EDM) oder Equine Motor Neuron Disease (EMND), neurologische Erkrankungen, die direkt auf Vitamin-E-Unterversorgung zurückgeführt werden. Besonders gefährdet sind Pferde, die das ganze Jahr über ausschließlich Heu bekommen und keinen Zugang zu frischem Gras haben.
Ca:P-Verhältnis — wenn Getreide die Knochengesundheit gefährdet
Calcium (Ca) und Phosphor (P) funktionieren als Paar. Der GfE-2014-Standard gibt für ein gesundes Pferd ein Ca:P-Verhältnis von 1,5:1 bis 2:1 vor. Für jedes Gramm Phosphor also 1,5 bis 2 Gramm Calcium.
Das Problem entsteht, wenn Getreide ins Spiel kommt. Hafer, Gerste und Mais enthalten von Natur aus deutlich mehr Phosphor als Calcium. Wer einem Pferd täglich mehrere Kilogramm Hafer oder Gerste füttert, ohne gleichzeitig Calcium zu ergänzen, verschiebt das Verhältnis deutlich in den negativen Bereich.
| Futtermittel | Ca:P-Verhältnis (ungefähr) |
|---|---|
| Wiesenheu | 1,5–2,5 : 1 (je nach Standort) |
| Luzerne | 4–6 : 1 (sehr calciumreich) |
| Hafer | 0,2 : 1 (stark phosphorbetont) |
| Gerste | 0,2 : 1 |
| Mais | 0,1 : 1 |
Orientierungswerte; genaue Gehalte variieren je nach Ernte und Aufbereitung.
Die Konsequenzen eines ungünstigen Ca:P-Verhältnisses: beeinträchtigte Knochengesundheit, schlechte Hufqualität, im schlimmsten Fall Knochenstoffwechselstörungen. Besonders betroffen sind Sportpferde und Zugpferde, die traditionell viel Getreide bekommen. Der Fehler bleibt oft jahrelang unsichtbar, bis er sich in Knochenproblemen oder schlechter Hufqualität zeigt.
Proteinmangel beim Pferd — wenn Muskeln fehlen
Das relevante Maß für den Pferdeproteinbedarf ist pcvXP (praecaecal verdauliches Rohprotein). Dieser Wert beschreibt nicht, wie viel Protein im Futter enthalten ist, sondern wie viel davon tatsächlich im Dünndarm absorbiert wird.
Der GfE-2014-Richtwert für ein 500 kg schweres Pferd bei leichter Arbeit liegt bei etwa 630–700 g pcvXP täglich. Dieser Bedarf steigt bei Trächtigkeit, Laktation, Wachstum und intensiver Arbeit deutlich an.
Proteinmangel entsteht vor allem bei Heu mit niedrigem Rohproteingehalt (unter 8–9 %) als einzigem Grundfutter, bei alten Pferden mit sinkender Dünndarmkapazität, bei Stuten in der Hochlaktation sowie bei jungen Pferden im Wachstum. Das Ergebnis ist meistens dasselbe: Muskelabbau an Kruppe und Schulter, schlechte Regeneration nach Belastung, Gewichtsverlust trotz ausreichend Energie. Viele Besitzer sehen diesen Prozess als normales Altern. Dabei könnte eine angepasste Ration ihn aufhalten oder umkehren.
Rohfasermangel — wenn zu wenig Heu zum Problem wird
Rohfaser in Form von Heu, Stroh oder Gras ist keine Beilage. Sie ist die physiologische Basis der Pferdeernährung.
Pferde produzieren Magensäure kontinuierlich, rund um die Uhr, unabhängig davon, ob sie fressen. Beim Menschen wird Magensäure durch die Nahrungsaufnahme ausgeschüttet; beim Pferd läuft die Produktion nonstop. Wenn kein Futter im Magen ist, greift die Säure die Magenschleimhaut an. Heu und Gras puffern diese Säure ab und verhindern Schäden.
Studien zeigen, dass über 50 % der Freizeitpferde und bis zu 90 % der Turnierpferde unter Magengeschwüren leiden, häufig ohne sichtbare Symptome. (Merritt 2009, Equine Vet J; Luthersson et al. 2009, Equine Vet J)
Der GfE-2014-Standard nennt zwei Schwellenwerte:
| Schwelle | Menge pro 100 kg KGW |
|---|---|
| Richtwert | mindestens 1,5 kg Raufutter täglich |
| Minimum | nicht unter 1,0 kg Raufutter täglich |
Für ein 500 kg schweres Pferd: mindestens 7,5 kg Heu pro Tag als Richtwert, nicht weniger als 5 kg als absolutes Minimum. In der Praxis rutscht die Menge schnell darunter: durch zweimal tägliches Füttern mit langen Pausen, durch Reduktion bei übergewichtigen Pferden (dabei ist kalorienärmeres Heu in ausreichender Menge die richtige Strategie) oder weil Kraftfutter das Grundfutter zu ersetzen scheint.
Was der GfE-2014-Standard vorgibt
Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) ist die wissenschaftliche Referenz für Pferdeernährung in Deutschland und dem deutschsprachigen Raum. Ihre Empfehlungen aus dem Jahr 2014 definieren Richtwerte für Energie, Protein und alle relevanten Mineralstoffe, differenziert nach Körpergewicht, Alter, Geschlecht und Leistungsniveau.
Der GfE-Standard basiert auf wissenschaftlicher Forschung, nicht auf Herstellerinteressen. Die Richtwerte basieren auf etablierter Fachliteratur (GfE 2014, NRC 2007). Das ist der Grund, warum der Rationsrechner auf rationsrechner-pferd.de ausschließlich auf diesem Standard aufbaut.
Wie erkennst du einen Nährstoffmangel?
Nährstoffmängel beim Pferd zeigen sich selten als dramatische Krankheitssymptome. Die meisten Signale sind subtil.
Äußerliche Zeichen:
- Glanzloses, stumpfes Fell
- Langsames oder brüchiges Hufwachstum
- Sichtbarer Muskelabbau (Kruppe, Schulter, Rücken)
- Langsame Wundheilung
Verhaltensänderungen:
- Erhöhte Nervosität oder Gereiztheit (oft Anzeichen für Magengeschwüre)
- Schnelle Ermüdung bei Belastung
- Allgemeine Lustlosigkeit, reduzierte Bereitschaft
Medizinisch messbar:
- Blutbild: Selen, Vitamin E, Protein (Albumin) lassen sich direkt messen
- Hufanalyse: Hufqualität gibt indirekte Hinweise auf Ca:P-Verhältnis und Zinkversorgung
Viele dieser Zeichen haben mehrere mögliche Ursachen. Nur eine strukturierte Rationsberechnung kombiniert mit einer Heuanalyse und einem Blutbild gibt ein vollständiges Bild.
Was kannst du tun?
Bevor du irgendwelche Ergänzungsmittel kaufst: Berechne zuerst, was dein Pferd tatsächlich bekommt, und was fehlt. Viele Pferdebesitzer ergänzen blind, ohne zu wissen, ob ein Mangel überhaupt besteht. Das kostet Geld und löst das eigentliche Problem nicht.
Für eine exakte Aussage brauchst du eine Heuanalyse. Sie kostet 30–60 Euro pro Probe und zeigt dir den genauen Nährstoffgehalt deines Heus. Das ist die Grundlage jeder seriösen Entscheidung zur Supplementierung.
Bevor du mit Ergänzungsmitteln arbeitest: Prüfe, ob die Heumenge ausreichend ist und ob das Grundfutter-Minimum eingehalten wird. Oft lassen sich grundlegende Mängel bereits durch eine Anpassung der Heumenge oder -qualität verbessern.
Zeigt die Rationsberechnung einen konkreten Mangel, kannst du gezielt ergänzen. Konkrete Dosierungen (besonders bei Selen, Zink und Kupfer) solltest du mit einem zertifizierten Pferdeernährungsberater abstimmen.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich Nährstoffmängel am Fell erkennen?
Ein glanzloses, stumpfes Fell kann ein Hinweis sein, aber kein verlässlicher Einzelindikator. Viele Faktoren beeinflussen die Fellqualität: Jahreszeit, Hormonstatus, Parasiten, allgemeiner Gesundheitszustand. Fell-Symptome sollten dich aufmerksam machen, aber die Diagnose braucht immer eine Rationsberechnung oder ein Blutbild.
Sind Pauschal-Mineralfutter ausreichend, um Mängel zu beheben?
Pauschal-Mineralfutter kann Mängel abdecken, aber nur, wenn die Ration bekannt ist und das Produkt dazu passt. Viele Produkte liefern ein breites Spektrum in moderaten Mengen. Ob das ausreicht, hängt davon ab, was Heu und Grundfutter bereits liefern. Ohne Rationsberechnung riskierst du gleichzeitig Über- und Unterversorgung.
Ist Selenmangel gefährlich?
Ja. Aber auch Selenüberdosierung ist gefährlich. Selen hat beim Pferd eine enge therapeutische Breite: Der Mangel verursacht Muskeldystrophie und Immunschwäche, die Vergiftung führt zu Haarausfall, Hufablösung und im schlimmsten Fall zum Tod. Deshalb: Selen nur auf Basis einer Blut- oder Rationsanalyse ergänzen, niemals pauschal hoch dosieren.
Wie schnell verbessern sich Mängel nach der Supplementierung?
Das hängt stark vom Nährstoff ab. Vitamin-E-Spiegel im Blut steigen bei Supplementierung innerhalb von 2–4 Wochen messbar an. Selen braucht ähnlich lange. Muskelabbau durch Proteinmangel kann sich nach Monaten konsequenter Versorgung zurückbilden, aber nicht vollständig, wenn er weit fortgeschritten ist. Knochenstoffwechsel-Veränderungen durch Ca:P-Imbalancen brauchen noch länger.
Weißt du, ob dein Pferd ausreichend versorgt ist?
Du kennst jetzt die wichtigsten Nährstoffmängel, ihre Symptome und ihre Ursachen. Der nächste Schritt: Prüfe, wie die Versorgung deines Pferdes konkret aussieht, kostenlos, ohne Registrierung, direkt im Browser.
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Alle Berechnungen basieren auf dem GfE-2014-Standard. Konkrete Dosierungen bitte mit einem zertifizierten Pferdeernährungsberater abstimmen.
Quellen
- Nährstoffbedarfswerte Pferd nach GfE-2014-Standard: GfE — Gesellschaft für Ernährungsphysiologie: Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung der Pferde. DLG-Verlag, Frankfurt 2014.
- Magengeschwüre bei über 50 % der Freizeitpferde und bis zu 90 % der Turnierpferde (Merritt 2009, Luthersson 2009): Merritt, A.M. & Sandin, A. (2009): Gastric ulcers in horses. Equine Veterinary Journal, 35(2), 152–155. / Luthersson, N. et al. (2009): Risk factors associated with equine gastric ulcer syndrome (EGUS) in 201 horses in Denmark. Equine Veterinary Journal, 41(7), 625–630.
- Spurenelementmangel (Cu, Zn, Se) durch selenarme und spurenelementarme Böden in Deutschland: Coenen, M. & Vervuert, I. (Hrsg.): Pferdefütterung, 5. Auflage. Enke Verlag, Stuttgart 2020.